vom 23.05.2026
Am 23. Mai startete mit dem CSD SOK, diesmal in Neustadt/Orla, die Thüringer CSD-Saision. Trotz der überaus warmen Temperaturen fanden sich circa 130 Teilnehmende am leider vor nunmehr 13 Jahren abgebrannten Schützenhaus ein. Während die Auftaktkundgebung noch nicht begonnen hatte, versammelten sich bereits auf dem gegenüberliegenden Fußweg circa 10 teils stadtbekannte Rechte, welche die Teilnehmenden filmten und fotografierten. Einige von ihnen kannten wir bereits vom letzten Jahr aus Pößneck.

Diesmal wurden dabei keine „Division Thüringen“-Shirts getragen; stattdessen wurde mit Anspielung auf die verbotene SA-Parole der Aufdruck „Alles für Ostdeutschland“ präsentiert.

Diese Gruppe war schließlich auch die aktivste und begleitete die Demonstration über weite Strecken, tauchte mehrmals entlang der Route in verschiedenen Konstellationen auf und versuchte, noch einige Aufnahmen der Teilnehmenden anzufertigen – dem setzte allerdings die Polizei, die mit einem unverhältnismäßg groß wirkenden Aufgebot vor Ort war, recht schnell ein Ende. Als das Fotografieren also nicht mehr möglich war, wurde sich auf wenig motivierte Pöbeleien konzentriert.


Ganz schön viel Staatsmacht für gar nicht so viel CSD – der dadurch im Polizeispalier laufen musste.
Während der Demonstration kam es auch durch andere Kleingruppen wieder zu einzelnen Pöbeleien und Einschüchterungsversuchen, welche aber nichts daran änderten, dass kein wirkliches Bedrohungsszenario aufgebaut werden konnte – auch das war letztes Jahr noch anders. Zudem muss auch positiv erwähnt werden, dass dem CSD aus den Häusern immer wieder freudige Gesichter verschiedenen Alters zuwinkten.

Etwas unruhig wurde es nur, als die Demonstration an einem Junggesellenabschied vorbei lief, dem eine Pöbelgruppe an Bierbänken gegenübersaß, da hierdurch gleich von zwei Seiten angetrunkene und zumindest der Mimik nach der Demonstration nicht sehr wohlgesonnene Männergruppen Spalier standen beziehungsweise saßen. Folglich kam es auch zu Provokationen und Beleidigungen, auf die auch einige Demoteilnehmende einstiegen. Lediglich durch das besonnene Handeln umstehender CSD-Teilnehmenden führte dies nicht zu einer körperlichen Eskalation.
Hier hat sich wieder gezeigt, wie selbsternannte CSD-Verteidiger*innen durch ihr teils unnötig konfrontatives Auftreten eigentlich ruhige oder zumindest hantierbare Situationen zur Eskalation treiben können – dadurch wird der Aufwand und auch die Gefährdung aller billigend in Kauf genommen.


Der CSD hingegen fiel durch eine positive Atmosphäre auf und passte sich insofern dem blendenden Sonnenschein an. Es ist dabei immer wieder ein Highlight, junge queere Menschen auf den Straßen im tiefsten „Hinterland“ (das gewiss zu unrecht so genannt wird) zu sehen, die voller Mut und Lebensfreude ihre Anliegen in die Öffentlichkeit tragen. Genauso beeindruckend ist jedes Mal aufs Neue, mit wie viel Herzblut und Einsatz einige wenige Menschen auch noch in den kleinsten Städten einen CSD auf die Beine stellen. Diese Schutzräume und diese Sichtbarkeit sind es, wonach sich queere Menschen in einem tief „traditionalistischen“ Umfeld sehnen!


Fragwürdig erschien uns dabei nur die Musikauswahl: Auch wenn das Zusammenstellen und Redigieren von Playlisten oft nicht den höchsten Stellenwert hat, wirkt es dennoch reichlich unpassend, wenn auf einer queeren Demonstration Musik von Katy Perry (Täterinvorwürfe) oder Nicki Minaj (transfeindlich & Trump-Unterstützerin) abgespielt wird.
Hoch erfreut hat uns hingegen, dass der Festivalweihnachtsmann sich, anders als im Vorjahr, diesmal an sein Skript gehalten hat und niemensch sich deshalb allzu persönliche Fragen über sich ergehen lassen musste.
Während der mit Musik begleiteten Abschlusskundgebung gerieten schließlich noch zwei FCC-Anhänger, die vom Pokalfinale zurückkamen in eine Maßnahme. Weshalb diese erfolgte, war für uns nicht ersichtlich.

Maßnahme nach Pokalsieg – ärgerlich, wenn mensch die Klappe nicht halten kann.
Das Eigentor des Tages gelang jedoch einem der Rechten, der den CSD über weite Strecken begleitete, als er mit seinem Auto an der Abschlusskundgebung vorbeifuhr – danke für das Kennzeichen und die Info, dass du bei der Freiwilligen Feuerwehr in Neustadt/Orla bist!
Auch die Polizei fand bei der Abreise am Bahnhof nochmal einen Grund, sich aufzuspielen, indem eine Person wegen eines Aufklebers in eine Maßnahme genommen wurde.

Davon abgesehen bildete der CSD SOK insgesamt einen gelungenen Auftakt für die diesjährige CSD-Saison in Thüringen, welche zum zweiten Jahr in Folge auf einen neuen Rekord an queeren Demonstrationen zusteuert- wir freuen uns schon auf das nächste Mal im Saale-Orla-Kreis und auf all die anderen kleinen, aber großartigen CSDs in Thüringen!

Nachtrag
Enttäuschend ist allerdings die Beteiligung aus den „großen“ Thüringer Städten – während viele aus den kleineren Orten regelmäßig nach Jena, Weimar oder Erfurt zu Demonstrationen oder Veranstaltungen fahren, scheint die Solidarisierung in die andere Richtung als nachlässig wahrgenommen zu werden, wie sich auch eine Woche später in Eisenach zeigte, als sich einem Burschentag entgegengestellt wurde.
Wir rufen also gerade bei den steigenden Fällen queerfeindlicher Gewalt alle und insbesondere größere Thüringer Städte auf, sich solidarisch zu zeigen und die zu supporten, die in den Regionen oft auf sich alleine gestellt sind und trotzdem die Fahne hoch halten! Solidarität darf keine Pipeline in die „Zentren“ sein, in denen sich dort lebende Menschen dann wunderbar in ihren Wohlfühl-Bubbles einrichten können, während „draußen“ die Welt brennt.

Für die Statistik
Wir zählten insgesamt 35 Störende, wovon die Art der Störung zumeist unter „Raumnahme“ fällt. Von einer handvoll Personen wurde versucht, Bild- beziehungsweise Videoaufnahmen der Demonstrierenden anzufertigen, und gelegentlich gab es verbale Beleidungen in Richtung des CSD (beispielsweise das Vorspielen einer Erblindung beim Anblick der Demonstration).
Eine Unsicherheit in der Anzahl der Störenden gibt es durch den bereits erwähnten Junggesellenabschied, da für uns nicht ersichtlich war, ob dieser den CSD tatsächlich störte beziehungsweise mit diesem interagierte. Da eine Person aus dieser Gruppe Fotos von der Demo machte und sich Einzelne gut mit der gegenüberliegenden, die Demonstration bepöbelnden Gruppe verstanden oder sich gegenseitig sogar kannten, haben wir sie zu den Störenden dazugezählt (unter dem Aspekt der Raumnahme), aber uns dazu entschieden, kein Bild von ihnen zu veröffentlichen.
Trotz teils unmittelbarer Nähe zwischen Störer*innen und Demonstration gab es keine von den Störer*innen ausgehenden Versuche einer körperlichen Konfrontation.
An- und Abreise erfolgten unserer Kenntnis nach störungsfrei.
